Menschen & Tradition

Wenn die Kühe heimkehren – Viehscheid im Allgäu

Schon lange bevor man die Herde sieht, kann man sie hören. Das Läuten der großen Schellen kommt näher, Menschen warten am Straßenrand – und irgendwann erscheinen die ersten Tiere, begleitet von den Hirten, die mit ihnen einen ganzen Sommer auf der Alpe verbracht haben.
Im September kehren im Allgäu rund 30.000 Rinder von den Bergweiden zurück ins Tal. Was heute Tausende Besucher anzieht und vielerorts mit Musik und Festzelt gefeiert wird, hat einen ganz praktischen Ursprung: Nach dem Alpsommer werden die Herden wieder getrennt und die Tiere ihren jeweiligen Besitzern übergeben. Genau daher stammt auch der Name Viehscheid.
Und wenn ein besonders prächtig geschmücktes Tier an der Spitze einer Herde läuft, steckt dahinter mehr als schöner Festschmuck. Das Kranzrind ist ein Zeichen dafür, dass Mensch und Tier den Alpsommer ohne Unglück überstanden haben.
Der Viehscheid ist deshalb viel mehr als ein farbenfroher Almabtrieb. Er ist der letzte Tag einer Geschichte, die Monate zuvor beginnt – wenn die Tiere im Frühsommer hinauf auf die Alpen ziehen.

Bevor die Kühe heimkehren – ein Sommer auf der Alpe

Der Viehscheid beginnt eigentlich nicht im September, sondern viele Monate früher. Wenn im Frühsommer auf den höher gelegenen Weiden genügend Gras wächst, werden die jungen Rinder aus den Tälern hinauf auf die Alpen gebracht. Dort verbringen sie einen großen Teil des Sommers.
Für die Landwirtschaft im Allgäu hat diese Form der Weidewirtschaft eine lange Tradition. Die Tiere nutzen Flächen, die im Tal nicht zur Verfügung stehen, und halten gleichzeitig die Bergweiden offen. Hirten und Älpler kümmern sich während dieser Wochen um die Herden, kontrollieren die Tiere und sorgen dafür, dass sie auf den weitläufigen Weideflächen sicher durch den Sommer kommen.
Dabei ist eine Herde auf der Alpe häufig bunt zusammengewürfelt: Die Tiere gehören verschiedenen Bauern aus dem Tal. Für einige Monate bilden sie eine gemeinsame Herde – bis im Herbst der Zeitpunkt gekommen ist, sie wieder zu ihren Besitzern zurückzubringen.
Und genau deshalb endet der Alpsommer nicht einfach mit einem Abstieg ins Tal. Unten müssen die Tiere wieder voneinander „geschieden“ werden – der eigentliche Viehscheid.

Wenn die Schellen wieder im Tal zu hören sind

Nach Wochen auf den Bergweiden beginnt im September der Weg zurück. Die Hirten sammeln die Tiere, führen die einzelnen Herden von den Alpen hinunter und begleiten sie bis zum Scheidplatz. Mancherorts sind sie dabei viele Stunden unterwegs.
Schon aus einiger Entfernung kündigt sich die Herde an. Die großen Schellen erzeugen bei jedem Schritt ihren tiefen, schweren Klang – und je näher die Tiere kommen, desto eindrucksvoller wird dieses Zusammenspiel aus Bewegung, Glocken und Rufen der Hirten.
Am Scheidplatz angekommen, beginnt der Teil, dem der Viehscheid seinen Namen verdankt: Die Tiere werden aus der gemeinsamen Herde herausgetrennt und wieder ihren jeweiligen Besitzern übergeben. Aus der großen Gemeinschaft des Alpsommers werden wieder die Tiere der einzelnen Bauernhöfe.
Für die Älpler und Hirten ist dieser Moment zugleich Abschluss und Abschied. Rund 100 Tage gemeinsamer Alpsommer liegen hinter ihnen – mit Verantwortung für eine Herde, die ihnen von vielen verschiedenen Bauern anvertraut wurde.

Warum nicht jede Herde ein Kranzrind hat

Es ist der Blickfang eines Viehscheids: An der Spitze einer Herde läuft manchmal ein besonders prächtig geschmücktes Tier. Sein aufwendig gefertigter Kopfschmuck aus Blumen, Grün und anderen Naturmaterialien macht das sogenannte Kranzrind schon von Weitem erkennbar.
Doch dieser Schmuck ist keineswegs selbstverständlich. Ein Kranzrind gibt es traditionell nur dann, wenn der Alpsommer ohne Unglück verlaufen ist und Mensch und Tier wohlbehalten ins Tal zurückkehren. Ist während der Zeit auf der Alpe ein Tier verunglückt, bleibt der festliche Kranz aus.
Wie der Kopfschmuck aussieht, unterscheidet sich von Alpe zu Alpe. Gerade darin liegt ein Teil seines besonderen Reizes: Die Kränze sind keine einheitliche Festdekoration, sondern tragen die Handschrift der jeweiligen Alpe.
So wird das Kranzrind zu etwas viel Bedeutenderem als einem schönen Fotomotiv: Es ist ein weithin sichtbares Zeichen dafür, dass ein langer Bergsommer glücklich zu Ende gegangen ist.

Der Klang des Viehscheids

Noch bevor die ersten Tiere um die Kurve kommen, hört man sie. Erst einzelne dumpfe Töne, dann wird das Schellengeläut immer kräftiger, bis schließlich die ganze Herde zu sehen ist.
Die großen Schellen gehören untrennbar zum Bild des Allgäuer Viehscheids. Mit jedem Schritt der Tiere bewegen sie sich und erzeugen jene tiefen, unterschiedlichen Klänge, die schon von Weitem die Ankunft einer Herde ankündigen.
Wer einmal direkt am Weg gestanden hat, wenn eine ganze Herde vorbeizieht, merkt schnell, wie gewaltig dieser Klang sein kann. Man hört den Viehscheid nicht nur – man spürt ihn beinahe.
Und die Schellen gehören nicht allein zu diesem einen Festtag. Ihr Klang ist Teil der von der Alpwirtschaft geprägten Allgäuer Klangwelt und begleitet die Tiere bereits während des Bergsommers auf den Alpen.
Vielleicht ist es gerade dieses Schellengeläut, das besonders im Gedächtnis bleibt. Denn für einen kurzen Moment klingt das Allgäu genauso, wie man es sich vorgestellt hat.

UNSER TIPP

Erlebt den Viehscheid möglichst früh am Morgen. Dann bekommt ihr nicht nur den eigentlichen Einzug der Herden mit, sondern auch diese besondere Stimmung davor: Die Straßen füllen sich langsam, aus der Ferne sind bereits die ersten Schellen zu hören – und irgendwann taucht die Herde auf.
Wenn ihr mit Kindern unterwegs seid, sucht euch am besten frühzeitig einen Platz etwas abseits des größten Gedränges. Dort lässt sich das Geschehen meist viel entspannter beobachten und man sieht die Tiere oft sogar besser.
Und unser persönlicher Tipp: Bleibt nicht nur für den kurzen Moment, in dem die geschmückten Tiere vorbeiziehen. Beobachtet auch, was anschließend am Scheidplatz passiert. Erst dort versteht man, warum der Viehscheid eigentlich Viehscheid heißt.

Am Scheidplatz – hier wird aus der Herde wieder jedes einzelne Tier

Wenn die Herde den Scheidplatz erreicht, ist der Viehscheid noch lange nicht vorbei. Eigentlich beginnt jetzt erst der Teil, der dem Brauch seinen Namen gegeben hat.
Die Tiere, die den Sommer gemeinsam auf der Alpe verbracht haben, gehören unterschiedlichen Bauern. Nun werden sie einzeln aus der Herde herausgenommen, ihren Besitzern zugeordnet und wieder übergeben. Aus einer großen Herde werden innerhalb kurzer Zeit viele kleine Gruppen, die anschließend auf ihre jeweiligen Höfe zurückkehren.
Für Besucher wirkt das manchmal fast wie ein großes Volksfest – mit Blasmusik, Festzelt, Marktständen und vielen Menschen. Doch hinter all dem steht bis heute ein ganz konkreter Vorgang der Alpwirtschaft: Die Bauern bekommen die Tiere zurück, die sie Monate zuvor den Hirten für den Alpsommer anvertraut haben.
Erst wenn die Tiere versorgt und übergeben sind, wird vielerorts gemeinsam gefeiert. Hirten, Bauern, Einheimische und Gäste treffen sich im Festzelt – und aus dem Ende des Bergsommers wird ein Fest für das ganze Dorf.
Vielleicht versteht man den Viehscheid deshalb am besten, wenn man nicht nur auf die geschmückten Tiere schaut. Hinter dem großen Spektakel steckt etwas sehr Bodenständiges: die Rückkehr der Tiere und das Ende eines gemeinsamen Sommers auf der Alpe.

Mehr als ein Fest für Besucher

Im Frühjahr 1886 war Falkenstein noch immer ein Schloss auf Papier. Die Zufahrtsstraße und die Wasserleitung waren fertiggestellt, doch auf dem Gipfel standen weiterhin die Mauern der alten Burgruine. Kein Fundament für das neue Schloss war gelegt, kein Turm begonnen.
Gleichzeitig gerieten Ludwigs Bauvorhaben immer stärker unter finanziellen Druck. Neuschwanstein und Herrenchiemsee hatten große Summen verschlungen, die königliche Privatschatulle war hoch verschuldet. Trotzdem hielt Ludwig an seinen Bauideen fest – auch Falkenstein gehörte weiterhin zu seinen Plänen.
Dann kam der 13. Juni 1886. Ludwig II. starb am Starnberger See. Mit seinem Tod endete auch das Projekt Falkenstein. Sämtliche Bau- und Planungsarbeiten wurden eingestellt. Was über Jahre immer wieder verändert, verworfen und neu gezeichnet worden war, sollte nie über das Papier hinauskommen.
So blieb auf Falkenstein ausgerechnet das erhalten, was Ludwig eigentlich ersetzen wollte: die alte mittelalterliche Ruine. Sein eigenes Schloss existiert dagegen nur in Entwürfen – und in der Vorstellung dessen, was hier oben hätte entstehen können.

Gut zu wissen

ALPSOMMER

Rund 100 Tage verbringen viele Rinder während des Sommers auf den Allgäuer Alpen und Bergweiden.

VIEHSCHEID

Am Scheidplatz wird die gemeinsame Herde wieder getrennt und die Tiere werden ihren jeweiligen Besitzern übergeben.

KRANZRIND

Ist der Alpsommer ohne Unglück verlaufen, kann ein besonders geschmücktes Kranzrind die heimkehrende Herde anführen.

SCHELLENGELÄUT

Schon bevor die Herde zu sehen ist, kündigen die großen Schellen ihre Rückkehr ins Tal weithin hörbar an.

SEPTEMBER

Dann endet vielerorts im Allgäu der Alpsommer und die großen und kleinen Viehscheide finden statt.

Wenn der Bergsommer zu Ende geht

Am Abend wird es wieder ruhiger. Die Herden sind getrennt, die Tiere bei ihren Besitzern, und auf den Straßen verstummt langsam das Läuten der Schellen. Was am Morgen noch wie ein großes Spektakel wirkte, ist innerhalb weniger Stunden vorbei.
Für die Tiere beginnt wieder das Leben im Tal. Für Hirten und Älpler endet eine Zeit, in der ihr Alltag vom Wetter, von den Bergen und von der Verantwortung für die Herde bestimmt wurde. Und irgendwo hoch oben liegen die Weiden wieder still – bis im nächsten Frühsommer ein neuer Alpsommer beginnt.
Vielleicht berührt der Viehscheid gerade deshalb so viele Menschen. Er macht einen Wechsel sichtbar, den man sonst kaum wahrnehmen würde: den Übergang vom Sommer zum Herbst, vom Leben auf der Alpe zurück ins Tal.
Und wenn die letzte Herde vorbeigezogen ist und das Schellengeläut langsam in der Ferne verschwindet, bleibt das Gefühl, etwas erlebt zu haben, das im Allgäu nicht nur gezeigt, sondern noch immer gelebt wird.
Der Viehscheid ist deshalb nicht einfach das Ende eines Bergsommers. Er ist die Heimkehr.

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