Orte & Geschichten

Ein stiller Morgen am Alatsee

Es gibt Seen, die ihre Wirkung sofort entfalten – und andere, die erst dann interessant werden, wenn man ein wenig länger bleibt. Der Alatsee gehört zur zweiten Sorte. Am frühen Morgen liegt er beinahe verborgen zwischen den bewaldeten Hängen oberhalb von Füssen. Das Wasser ist ruhig, die gegenüberliegenden Bäume spiegeln sich auf seiner Oberfläche und manchmal scheint es, als würde hier überhaupt nichts geschehen.
Doch gerade unter dieser stillen Oberfläche verbirgt sich eine außergewöhnliche Geschichte. In der Tiefe des Alatsees herrschen Bedingungen, die ihn seit Jahrzehnten für die Forschung interessant machen. Gleichzeitig ranken sich um den See Geschichten und Legenden, die ihm einen beinahe geheimnisvollen Ruf eingebracht haben. Naturwissenschaft und Mythos liegen hier erstaunlich nah beieinander.

Warum der Alatsee so besonders ist

Auf den ersten Blick ist der Alatsee vor allem eines: ein kleiner, stiller Bergsee, umgeben von dichtem Wald. Rund zwölf Hektar groß und etwas mehr als 32 Meter tief, wirkt er überschaubar – beinahe so, als ließe er sich mit einem einzigen Blick erfassen.
Doch der eigentliche Alatsee beginnt dort, wo wir vom Ufer aus nicht mehr hinsehen können. Seine Tiefe weist besondere chemische und biologische Bedingungen auf. Das Bayerische Landesamt für Umwelt hebt den See wegen seines außergewöhnlich hohen Schwefelgehalts hervor; zugleich wachsen in seinen klaren Uferbereichen artenreiche Bestände von Armleuchteralgen, darunter auch seltene Formen.
Damit gehört der Alatsee zu einer Landschaft, die weit mehr ist als eine schöne Kulisse. See, Ufer und die umliegenden Wälder sind Teil eines europäischen Natura-2000-Schutzgebietes – eines Lebensraums, dessen Besonderheiten sich teilweise erst unter der Wasseroberfläche zeigen.
Vielleicht passt gerade deshalb das Wort „geheimnisvoll“ so gut zu diesem See: Nicht weil man ihm etwas andichten müsste, sondern weil ein Teil seiner außergewöhnlichsten Geschichte tatsächlich im Verborgenen liegt.

Eine verborgene Welt unter der Oberfläche

Während sich an der Oberfläche Wind, Wetter und Jahreszeiten bemerkbar machen, beginnt einige Meter tiefer eine ganz andere Welt. Der Alatsee ist ein sogenannter meromiktischer See: Seine Wasserschichten vermischen sich nicht vollständig miteinander. Dadurch können sich in der Tiefe Bedingungen erhalten, die sich deutlich von denen an der Oberfläche unterscheiden. Wissenschaftliche Untersuchungen beschreiben entsprechend sauerstoffreiche obere Bereiche, eine Übergangszone und nahezu sauerstofffreies, schwefelhaltiges Tiefenwasser.
Besonders faszinierend ist eine Zone in etwa 15 bis 18 Metern Tiefe. Dort leben Purpur-Schwefelbakterien, die ohne Sauerstoff auskommen und Schwefelwasserstoff für ihren Stoffwechsel nutzen können. Unter bestimmten Bedingungen bilden sie eine auffällig rötlich bis purpurfarbene Schicht – eine verborgene Farbenwelt, von der ein Spaziergänger am Ufer normalerweise überhaupt nichts bemerkt.
Gerade diese ungewöhnlichen Lebensbedingungen haben den Alatsee auch für Wissenschaftler interessant gemacht. Forscher untersuchten hier unter anderem Mikroorganismen und das Leben entlang der Grenze zwischen sauerstoffreichem und sauerstofffreiem Wasser. Selbst wissenschaftliche Arbeiten zur Vielfalt kleinster einzelliger Lebewesen haben den Alatsee als Forschungsort genutzt.
Oben ein stiller Bergsee, unten ein außergewöhnliches Ökosystem – vielleicht liegt genau in diesem Gegensatz eines der größten Geheimnisse des Alatsees.

UNSER TIPP

Nimm dir für die Runde um den See etwas mehr Zeit als nötig. Unterwegs gibt es immer wieder schöne Plätze direkt am Wasser – perfekt für eine kleine Pause und einen Moment einfach nur zum Schauen.

Wie der Alatsee zum geheimnisvollen See wurde

Die besondere Atmosphäre des Alatsees hat offenbar schon lange die Fantasie der Menschen angeregt. Um den abgelegenen See ranken sich Sagen und Geschichten – und seine ungewöhnlichen natürlichen Verhältnisse liefern dafür eine geradezu perfekte Kulisse.
In jüngerer Zeit bekam dieser geheimnisvolle Ruf noch einmal neuen Schwung. Der Alatsee wurde zu einem Schauplatz des Kluftinger-Krimis „Seegrund“ von Volker Klüpfel und Michael Kobr. Darin wird die stille Landschaft rund um den See zur Kulisse einer düsteren Geschichte. Bis heute führen sogar Krimiwanderungen an den Alatsee, bei denen neben dem Roman auch Sagen und historische Begebenheiten aus der Umgebung eine Rolle spielen.
Das Interessante daran: Der Alatsee braucht eigentlich gar keine erfundenen Geheimnisse. Seine abgeschiedene Lage, die dunklen bewaldeten Hänge und vor allem die ungewöhnliche Welt unter seiner Wasseroberfläche liefern bereits genügend Stoff für Geschichten.
Vielleicht entsteht der besondere Reiz des Alatsees genau dort, wo Wissen und Vorstellungskraft aufeinandertreffen: Man weiß, dass sich unter der ruhigen Oberfläche etwas Außergewöhnliches verbirgt – aber man kann es vom Ufer aus nicht sehen.

Eine Runde um den Alatsee

Nach all den Geschichten über die verborgene Welt des Alatsees tut es gut, einfach loszugehen. Ein schattiger Weg führt einmal rund um den See – immer wieder direkt am Wasser entlang und dann wieder ein Stück hinein in den Wald. Die Runde selbst ist nur etwa zwei Kilometer lang und lässt sich ganz gemütlich gehen. Entlang des Weges verläuft außerdem ein Vogelerlebnispfad mit zehn Stationen zur heimischen Vogelwelt.
Besonders schön ist, dass sich der Blick auf den Alatsee dabei ständig verändert. Mal liegt die Wasserfläche offen vor einem, mal sieht man sie nur zwischen den Bäumen hindurch. Wer nicht auf die Uhr schaut, findet unterwegs genügend Stellen, um einfach stehen zu bleiben und über das Wasser zu schauen.
Und wer danach noch weitergehen möchte, muss am Alatsee längst nicht umkehren: Vom Nordwestufer führt beispielsweise ein Wanderweg hinauf Richtung Saloberalpe; auch das Faulenbacher Tal lässt sich wunderbar mit dem See verbinden.
Vielleicht passt genau diese kleine Runde so gut zum Alatsee: Man braucht kein großes Ziel. Der See selbst ist der Weg.

Baden am Alatsee

Im Sommer zeigt der Alatsee noch eine ganz andere Seite. Dann wird aus dem stillen Waldsee ein wunderbarer Platz für eine Abkühlung. Am West- und am Ostufer gibt es frei zugängliche Badestellen – ohne großes Strandbad und ohne viel Drumherum.
Gerade das passt zu diesem See. Man schwimmt nicht vor einer Promenade oder zwischen Bootsstegen, sondern mit Blick auf Wald und Berge. Und während man über das klare Wasser schaut, ist kaum vorstellbar, dass viele Meter darunter jene ungewöhnliche Welt beginnt, die den Alatsee für die Forschung so interessant macht.
Vielleicht fühlt sich ein Bad hier deshalb ein wenig anders an: Über einem liegt nur der Himmel – und unter einem eines der spannendsten kleinen Geheimnisse des Königswinkels.

Gut zu wissen

32,1 METER TIEF

So tief reicht der Alatsee an seiner tiefsten Stelle – erstaunlich für den vergleichsweise kleinen Bergsee.

GETEILTE WASSERWELT

Der Alatsee ist meromiktisch: Seine Wasserschichten vermischen sich nicht vollständig miteinander.

PURPUR IN DER TIEFE

In etwa 15 bis 18 Metern Tiefe können Purpur-Schwefelbakterien eine auffällig rötliche Schicht im Wasser bilden.

12 HEKTAR

So groß ist die Wasserfläche des Alatsees. Seine Uferlinie misst dabei rund 1,8 Kilometer.

SEEGRUND

Der Alatsee wurde zum Schauplatz des bekannten Allgäu-Kluftinger-Krimis „Seegrund“ von Volker Klüpfel und Michael Kobr.

Ein See, der sein Geheimnis behält

Vielleicht ist es gerade der Gegensatz, der den Alatsee so faszinierend macht. An seiner Oberfläche wirkt er ruhig und beinahe unspektakulär: Wald, Wasser, ein schmaler Weg am Ufer und dahinter die Berge. Doch nur wenige Meter unter dieser stillen Oberfläche beginnt eine Welt, die man vom Ufer aus nicht sehen kann.
Wissenschaftliche Besonderheiten, alte Geschichten und schließlich sogar ein Kriminalroman haben dazu beigetragen, dass der Alatsee heute als einer der geheimnisvollsten Seen rund um Füssen wahrgenommen wird. Dabei braucht er eigentlich gar keine große Inszenierung. Seine besondere Wirkung entsteht gerade durch das, was er nicht sofort preisgibt. Auch Füssen Tourismus beschreibt ihn ganz bewusst als „mystischen“ See.
Vielleicht ist ein stiller Morgen deshalb tatsächlich die schönste Zeit für den Alatsee. Wenn noch wenig los ist, das Wasser ruhig zwischen den Bäumen liegt und man inzwischen weiß, dass dieser kleine See sehr viel mehr verbirgt, als seine Oberfläche vermuten lässt.

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