Wasser, Kies und Wald – auf den ersten Blick wirken die Lechauen erstaunlich still. Doch diese Landschaft ist alles andere als unveränderlich. Der Fluss hat sie geschaffen und über lange Zeit immer wieder neu geformt.
Der Lech kommt aus den Alpen, transportiert Wasser, Geröll und feines Gestein mit sich und hinterlässt dort, wo er genügend Raum bekommt, eine Landschaft aus Kiesflächen, Ufern und Auwäldern. Gerade diese ständige Veränderung macht Flussauen zu außergewöhnlichen Lebensräumen.
Rund um Füssen lässt sich davon noch etwas entdecken. Im Bereich des Walderlebniszentrums Ziegelwies erstreckt sich ein Auwald, der durch die Umlagerungen des Lechs entstanden ist – ein Stück Landschaft, dessen Geschichte unmittelbar mit dem Fluss verbunden ist.
Vielleicht liegt gerade darin der Reiz der Lechauen: Sie zeigen eine Landschaft, die nicht fertig ist. Wo Wasser seinen Weg verändern darf, entsteht Natur immer wieder neu.
Ein Fluss, der seine Landschaft selbst baut
Ein natürlicher Alpenfluss bleibt nicht einfach an derselben Stelle. Mit wechselndem Wasserstand verändert sich seine Kraft: Er trägt Kies und Geröll weiter, lagert Material an anderer Stelle wieder ab und kann dadurch Ufer und Flussbett immer wieder umgestalten.
So entstehen Kiesbänke, flache Uferbereiche und neue kleine Lebensräume. Manche Flächen werden regelmäßig überschwemmt, andere liegen längere Zeit trocken und werden nach und nach von Pflanzen besiedelt. Was heute dicht bewachsen ist, kann durch ein Hochwasser wieder verändert werden – und an anderer Stelle beginnt die Entwicklung von Neuem.
Genau dieses Zusammenspiel von Wasser, Kies und Vegetation gehört zum Wesen einer Flussaue. Sie ist keine starre Landschaft, sondern lebt von Veränderung.
Der Lech ist deshalb nicht nur ein Fluss, der durch eine Landschaft fließt. Wo man ihm Raum lässt, gestaltet er diese Landschaft selbst mit.
Wo auf Kies neues Leben beginnt
Eine frisch entstandene Kiesbank wirkt zunächst beinahe leer. Zwischen hellen Steinen, Sand und angeschwemmtem Holz scheint kaum etwas wachsen zu können. Doch gerade diese offenen Flächen gehören zu den besonderen Lebensräumen einer naturnahen Flusslandschaft.
Pflanzen, die mit Trockenheit, nährstoffarmen Böden und immer wiederkehrenden Veränderungen zurechtkommen, können solche Flächen nach und nach besiedeln. Später folgen Gräser, Sträucher und junge Bäume. Bleibt eine Fläche lange genug ungestört, kann sich daraus schließlich ein dichterer Auwald entwickeln.
Doch der Fluss kann diese Entwicklung jederzeit wieder verändern. Steigt das Wasser stark an, werden Kies und Sand umgelagert, Pflanzen fortgerissen und an anderer Stelle neue offene Flächen geschaffen.
So entsteht ein ständiges Nebeneinander verschiedener Entwicklungsstadien – von der fast vegetationslosen Kiesbank bis zum Auwald.
Was für uns manchmal wie eine kahle Fläche aussieht, ist deshalb kein „unfertiges“ Stück Natur. Es ist der Anfang einer neuen Landschaft.
Ein Wald zwischen Wasser und Land
Dort, wo der Lech seine Ufer immer wieder beeinflusst, beginnt eine besondere Form von Wald. Auwälder liegen im Übergangsbereich zwischen Fluss und festem Land – und genau das bestimmt ihren Charakter.
Mal steht das Wasser niedrig, mal steigt es nach starken Niederschlägen oder während der Schneeschmelze. Feuchtigkeit, angeschwemmtes Material und wechselnde Wasserstände schaffen Bedingungen, an die sich Pflanzen und Tiere anpassen müssen.
Dadurch entsteht auf engem Raum ein ungewöhnliches Mosaik: offene Kiesflächen und Gebüsche liegen neben jungen Gehölzen und älteren Waldbereichen. Helle, warme Stellen wechseln sich mit feuchten und schattigen Bereichen ab.
Gerade diese Vielfalt unterschiedlicher Lebensräume macht Auen ökologisch besonders wertvoll. Bei Füssen lässt sich ein solcher Auwald unter anderem im Bereich Ziegelwies erleben.
Auwald bedeutet deshalb nicht einfach „Wald am Fluss“. Er ist Teil des Flusses – geprägt von seinem Wasser und von seiner ständigen Veränderung.
UNSER TIPP
Nehmt euch für die Lechauen Zeit und schaut nicht nur auf den Fluss. Gerade die unscheinbaren Stellen am Rand erzählen viel über diese Landschaft: Kiesflächen, angeschwemmtes Holz, junge Pflanzen und Bereiche, in denen der Wald langsam dichter wird.
Ein besonders schöner Ausgangspunkt ist Ziegelwies. Von dort lässt sich die Landschaft am Lech wunderbar zu Fuß entdecken – und im Walderlebniszentrum erfährt man nebenbei noch einiges über den Lebensraum Auwald.
Unser Tipp: Geht ein Stück langsam und ohne festes Ziel am Lech entlang. Je genauer man hinschaut, desto deutlicher erkennt man, dass der Fluss überall seine Spuren hinterlässt.
Der Lech – ein Fluss auf dem Weg aus den Alpen
Seine Reise beginnt weit südlich von Füssen. Der Lech entspringt im österreichischen Vorarlberg und fließt durch das Tiroler Lechtal, bevor er bei Füssen Bayern erreicht. Auf diesem Weg verändert er immer wieder sein Gesicht.
Im Tiroler Lechtal sind noch Abschnitte erhalten, in denen sich der Fluss verzweigt, Kiesbänke bildet und sich vergleichsweise frei durch das breite Tal bewegt. Weiter flussabwärts wird sein Lauf zunehmend durch menschliche Eingriffe geprägt.
Gerade deshalb ist es spannend, den Lech nicht nur an einem einzelnen Ort zu betrachten. Die Kiesel am Ufer, das angeschwemmte Holz und die hellen Kiesflächen erzählen von einem Fluss, der Material aus den Alpen mit sich führt und damit Landschaften formt.
Auch die Füssener Lechauen sind Teil dieser viel größeren Geschichte.
Wer am Lech steht, sieht deshalb nicht nur Wasser vorbeifließen. Vor einem liegt ein Stück Alpenlandschaft, das ständig unterwegs ist.
Wenn ein Fluss weniger Platz bekommt
Über Jahrhunderte haben Menschen Flüsse verändert. Ufer wurden befestigt, Flussläufe eingeengt und Wasser für Siedlungen, Straßen, Landwirtschaft und Energiegewinnung nutzbar gemacht. Auch der Lech ist heute über weite Strecken kein frei fließender Alpenfluss mehr.
Für eine Auenlandschaft hat das Folgen. Wo ein Fluss sein Bett kaum noch verlagern kann, entstehen weniger neue Kiesflächen. Überschwemmungen erreichen bestimmte Bereiche seltener, und aus einer ständig wechselnden Landschaft kann mit der Zeit eine deutlich ruhigere werden.
Deshalb sind jene Bereiche besonders interessant, in denen sich noch erkennen lässt, wie eng Fluss und Landschaft miteinander verbunden sind. Die Füssener Lechauen geben davon einen Eindruck: Kies, Wasser, angeschwemmtes Holz und Auwald erzählen von den Kräften, die diese Landschaft geschaffen haben.
Dabei bedeutet „Natur“ hier nicht, dass der Mensch keinerlei Spuren hinterlassen hätte. Vielmehr lässt sich beobachten, welche Prozesse ein Fluss braucht, damit eine lebendige Aue entstehen und sich immer wieder verändern kann.
Gut zu wissen
ALPENFLUSS
Der Lech entspringt in Vorarlberg und erreicht nach seinem Weg durch das Tiroler Lechtal bei Füssen Bayern.
KIESBÄNKE
Der Fluss transportiert Kies und Geröll und lagert das Material immer wieder neu ab. So entstehen wertvolle offene Lebensräume.
AUWALD
Auwälder liegen im Einflussbereich eines Flusses. Wechselnde Wasserstände und Überschwemmungen prägen ihre besondere Vegetation.
STÄNDIGER WANDEL
Eine natürliche Aue ist nie wirklich fertig. Hochwasser kann Flächen verändern und an anderer Stelle neue Lebensräume entstehen lassen.
ZIEGELWIES
Beim Walderlebniszentrum Ziegelwies lässt sich die vom Lech geprägte Auenlandschaft unmittelbar erleben.
Eine Landschaft, die nie ganz dieselbe bleibt
Vielleicht liegt die besondere Schönheit der Lechauen gerade darin, dass sie nicht perfekt geordnet wirken. Kies liegt dort, wo der Fluss ihn zurückgelassen hat. Treibholz sammelt sich am Ufer, junge Pflanzen erobern offene Flächen und wenige Meter weiter beginnt bereits dichter Wald.
Was heute selbstverständlich aussieht, ist das Ergebnis unzähliger kleiner Veränderungen. Wasser kommt und geht, Material wird verlagert, Pflanzen verschwinden und andere finden einen neuen Platz.
Wer hier unterwegs ist, muss deshalb gar nicht nach dem einen spektakulären Aussichtspunkt suchen. Es lohnt sich vielmehr, auf die Details zu achten – auf unterschiedliche Kiesel, Spuren im Sand, angeschwemmtes Holz oder eine junge Pflanze, die zwischen den Steinen wächst.
Denn die Lechauen erzählen keine Geschichte von einer Landschaft, die bewahrt wurde, indem sie unverändert blieb. Sie erzählen von einer Landschaft, deren Natur gerade in der Veränderung liegt.
Und vielleicht schaut man danach auch auf den Lech ein wenig anders: nicht nur als Fluss, der an Füssen vorbeifließt, sondern als Kraft, die diese Landschaft seit langer Zeit mitgestaltet.
Weiterlesen im Magazin
Noch mehr Geschichten, Lieblingsorte und besondere Entdeckungen aus dem Königswinkel.
Der Lechfall – wilde Kraft am Rand von Füssen
Türkisfarbenes Wasser, enge Schlucht und viel Bewegung: Am Lechfall zeigt sich die Landschaft direkt vor Füssen von ihrer kraftvollen Seite.
Ein stiller Morgen am Alatsee
Still liegt der Alatsee zwischen Wald und Bergen. Doch unter seiner ruhigen Oberfläche verbirgt sich eine außergewöhnliche Welt aus Naturphänomenen, Wissenschaft und geheimnisvollen Geschichten.
Wohnen, wo andere Urlaub machen.
Unsere Ferienwohnungen liegen in Bad Faulenbach – ruhig im Grünen und doch nur wenige Minuten von Füssen und vielen unserer Lieblingsorte entfernt.
Ferienwohnungen entdecken →